23. Hilde humpelt immer noch

23. Hilde humpelt immer noch

Wenn Pause nicht reicht

Unsere Ente Hilde humpelte.
Auf Anraten der Tierärztin sollten wir sie für einige Tage in einen kleinen, abgetrennten Bereich des Entengeheges setzen, damit sich ihr Bein erholen konnte.

Wilm hatte währenddessen freien Ausgang – doch er nutzte ihn kaum. Statt durch den Garten zu streifen, saß er meist direkt am Zaun. Genau dort, wo Hilde war.
Er blieb einfach bei ihr.

Als wir schließlich die Tür wieder öffnen konnten, war die Freude riesig. Die beiden rannten los, flatterten, schnatterten laut und wirkten, als wollten sie der ganzen Welt zurufen:
„Endlich wieder frei!“

Und als Linus in den Garten kam, standen sie sofort bereit:
„Können wir jetzt endlich wieder Fußball spielen?!“

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Doch die Freude hielt nicht lange.
Am Abend humpelte Hilde wieder.
Am nächsten Morgen noch stärker.

Also wieder zurück ins kleine Gehege.
Wieder warten.
Wieder hoffen.
Wieder dieses sehnsüchtige Hinausschauen.
Wieder Wilm, der am Zaun bei Hilde saß.
Es war rührend. Und gleichzeitig schwer auszuhalten.

Das Ganze wiederholte sich noch einmal und noch einmal…
Es wurde klar:
Das würde kein schneller Prozess.

Und ganz ehrlich – unsere Geduld war langsam am Ende – die arme Hilde!

Jedes Mal, wenn Hilde wieder im kleinen Gehege saß, schaute sie hinaus.
So ein Blick… schwer zu beschreiben.

Mich hat das mehr beschäftigt, als ich erwartet hätte.
Ich wusste: Die Pause ist gut für sie.
Und trotzdem tat sie mir leid.

Und irgendwann merkte ich:
Ich schaue nicht nur Hilde an.
Ich erkannte mich selbst.

Wie oft ist das bei uns Menschen genauso?

Da gibt es etwas, das unser Leben einschränkt. Und gefühlt ändert sich nichts.
Man fühlt sich ausgebremst, vom Leben ausgeschlossen.
Man humpelt durchs Leben, so wie Hilde.

Man hofft, dass es bald besser wird.

Und vielleicht geht es auch zunächst besser.
Ein paar Schritte. Vielleicht sogar ein kleiner Sprint.

Und dann – kommt das Humpeln zurück.

Und es heißt:
Zurück. Noch mal Pause. Noch mal warten.
Und währenddessen schaut man auf andere, die scheinbar gerade durchs Leben sprinten.
So wie Hilde neidisch auf Wilm schauen könnte.

Es gibt den Ausspruch: Geduld ist eine Tugend.
Ich gebe zu: Geduld gehört nicht zu meinen Stärken.
Ich hätte Dinge gern schneller wieder „gut“. Am liebsten sofort.

Aber so läuft es eben nicht immer.
Nicht bei Enten. Und auch nicht bei uns.

Aber wir müssen aufpassen, dass wir Folgendes nicht übersehen, wenn wir mit unserem Humpeln beschäftigt sind:

Andere Menschen sind vielleicht genauso wie Wilm – und bleiben.

 

Ohne Erklärungen.

Ohne schnelle Antworten.

Ohne leere Floskeln.

Sie halten einfach mit aus.

Offene Fragen.
Schlechte Laune.
Verzweiflung.

Das ist vielleicht mehr wert als jeder Versuch einer Antwort.

 Wie Wilm.

Er konnte Hilde das Humpeln nicht abnehmen.
Er konnte nichts an Hildes Situation ändern.

Aber er blieb bei ihr sitzen.