21. Vom Humpeln zum Staunen
Die Geschichte
Vor drei Wochen begann Hilde zu humpeln. Anfangs war es kaum zu sehen, dann wurde es von Tag zu Tag schlimmer. Schließlich konnte sie nur noch mühsam laufen, und ich fuhr mit Hilde zum Tierarzt.
Nach mehreren Röntgenaufnahmen und einer zweiten Meinung kam die Erleichterung: kein Bruch, keine Entzündung – „nur“ Schmerzen. Vermutlich hatte sie sich vertreten. Mit etwas Ruhe und Schmerzmitteln würde es wieder heilen.
Die ärztliche Anweisung war klar, aber blöd für Hilde – zumindest aus meiner menschlichen Sicht: Sie sollte ein paar Tage in einem abgegrenzten Bereich im Gehege bleiben, damit sich ihr Bein erholen konnte. Als ich sie dann in unserem Garten vor verschlossener Zauntür stehen sah, den Blick sehnsüchtig auf mich gerichtet, begann mein Gedankenkarussell. Wahrscheinlich war das Ganze für Hilde halb so wild – aber in meinem Kopf wurde aus ihrem Blick ein stilles „Stubenarrest ist gemein!“

Wenn das Leben uns ausbremst
Es gibt Zeiten, in denen wir uns genauso eingeschränkt und ausgebremst fühlen – wie vermeintlich Hilde jetzt gerade. Wilm darf raus in die Freiheit, und Hilde ist auf kleinem Raum eingeschlossen. Das Leben an sich bremst uns manchmal aus.
Wir starten nun mal mit unterschiedlichen Voraussetzungen:
Manche haben mehr Geld, andere müssen ständig rechnen. Manche sind gesund, andere werden von Krankheit oder Einschränkungen gebremst. Manche wachsen in tragfähigen, liebevollen Beziehungen auf, andere erleben von Anfang an Brüche und Instabilität.
In solchen Momenten schauen wir oft auf die, die scheinbar alles haben, was wir uns gewünscht hätten oder immer noch wünschen. Zack – schon sitzen wir in der Vergleichsfalle. Fast immer nach oben, versteht sich. Kein Wunder, dass sich das Leben dann schwerer anfühlt. Für mich fühlt es sich dann so an, als würden ich selbst durchs Leben humpeln – so wie Hilde, eben benachteiligt. Und doch ist dieser Eindruck oft trügerisch – so, wie wir auch nur meinen, des Nachbarn Rasen sei grundsätzlich grüner als unser eigener.

Vermeintliche Ungerechtigkeiten
Vermeintliche Ungerechtigkeiten können wir nur schwer aushalten, besonders, wenn wir selbst oder Personen, die uns am Herzen liegen, benachteiligt sind. In solchen Momenten wächst leicht Unzufriedenheit, vielleicht sogar Neid, Selbstmitleid und manchmal auch Groll. Aber auf wen eigentlich? Auf Gott?
Wilm konnte nichts dafür, dass sein Bein heil war, während Hilde humpelte. Und doch war der Unterschied sichtbar. So geht es uns auch: Wir verstehen nicht, warum der eine mehr Glück, mehr Geld, mehr Talente oder mehr Gesundheit hat. Und schnell richtet sich der unausgesprochene Vorwurf an Gott.
Gott im Spannungsbogen
In einem bekannten christlichen Buch begegnet uns genau dieser herausfordernde Spannungsbogen: Der gleiche Gott, auf den wir manchmal grollen, ist auch der Gott, der uns sieht und es gut mit uns meint. Eine große Behauptung – und manchmal kann ich es nur schwer zu glauben.
Dort steht auch, dass Gott unsere Sehnsüchte und Kämpfe kennt. Gerade dort, wo wir uns klein, gebremst oder übersehen fühlen, bleibt er an unserer Seite. Das klingt zwar tröstlich, aber der Spannungsbogen, den wir aushalten müssen, bleibt trotzdem.
Es „piekt“, dass wir manches im Leben nicht verstehen können, es aber trotzdem aushalten müssen.
Manchmal hilft es mir, die Blickrichtung bewusst zu verändern – weg vom Grübeln, hin zum Danken.

Der Ausweg aus der Falle: Dankbarkeit lernen
Ich habe übrigens angefangen, meine persönlichen Gründe für Dankbarkeit in ein kleines „Dankbarkeits-Heft“ zu schreiben. Vielleicht klingt das zunächst etwas befremdlich, aber erstaunlicherweise wächst die Liste ständig! Je länger ich nachdenke, desto mehr Gründe zum Danken finde ich. Und dieses Heft entpuppt sich als wahrer Schatz, weil ich immer wieder nachlesen kann, wie viele Gründe ich habe, dankbar zu sein.
Hier einige Beispiele, was ich in dieser Sehschule bereits gelernt habe – Dinge, die man viel zu schnell als selbstverständlich ansieht, ohne über ihren großen Wert nachzudenken:
- wie befreiend es ist, wenn meine Kopfschmerzen verschwinden, weil ich endlich die richtigen Brillengläser trage,
- wie hilfreich und tröstlich wahre Freunde sind, wenn es mir schlecht geht und sie an meiner Seite bleiben,
- wie ermutigend und schön es ist, wenn Nachbarn mir mit einem freundlichen Wort begegnen,
- und wie fröhlich es mich macht, diesen Blog zu schreiben, während ich unseren Enten beim quirlig-bunten Alltag zusehe. Obwohl ich aktuell traurig bin, weil ich Hilde gerade sehe, die sehnsüchtig vor der verschlossenen Zauntür steht.

Dankbarkeit als Schlüssel
Und vielleicht erinnert mich Hilde mit ihrem Humpeln noch öfter daran, dass selbst aus einem Humpeln ein Staunen über die guten Dinge werden kann. Gerade in solchen Momenten wird mir bewusst, wie sehr Dankbarkeit das Blickfeld verändert – weg vom Mangel hin zu dem, was schon da ist. Vielleicht brauche ich solche Momente mehr, als mir lieb ist – weil ich sonst viel zu schnell vergesse, wie viel Grund zur Dankbarkeit schon längst vor meiner Nase liegt.