𝟸 Entastischer Zuwachs
Anfang Juli war es endlich soweit - ich bin mit meiner Freundin zusammen nach Magdeburg gefahren: Wir wollten ein drittes Entlein holen, diesmal eine amerikanische Pekingente.
Es war sehr schräg – die Aktion an sich sowie das Zusammentreffen mit dem Bauern, von dem wir das Entlein holen wollten.
Gemeinsam haben wir überlegt, welches der vielen Küken nun eine Ente sein könnte, denn einen Erpel vermuteten wir ja schon zu Hause. Ein zweiter wäre von Lisbert nicht akzeptiert worden, da Erpel anscheinend einen Anspruch auf je drei (oder mehr) Enten stellen, sobald männliche Konkurrenz in Sicht ist.
Diesen rivalisierenden Umstand wollten wir Ernie (und uns) wenn möglich ersparen.
Schließlich entschieden wir uns für Hilde.
Gesagt, getan, nach Hause.

Dann begann die Herausforderung…
Unsere beiden großen Küken und Hilde hätten eine perfekte Familie abgegeben - das dachten wir zumindest. Aber Ernie und Lisbert fanden Hilde absolut überflüssig und waren nicht gerade nett zu ihr: Ständig schnappten sie nach ihr, und sie ließen sie nicht in Ruhe.
Auch hier haben wir etwas Neues gelernt: Küken verschiedenen Alters verstehen sich anfangs nicht unbedingt gut. Entenkenner würden vielleicht sagen, dass dies normal sei und sich legen würde, aber wir waren diesbezüglich keine Experten.
Wir fanden, Hilde konnte auf keinen Fall mit den beiden großen Küken allein im Garten schlafen.
Doch was nun?
Das Ende vom Lied war, dass Hilde ihre erste Nacht nicht in Entenhausen verbracht hatte, sondern in Paulas Bett.

Das Küken forderte eine Rundumbetreuung ein. An Schlaf war also nicht zu denken, da es natürlich nicht still und ruhig auf seiner Seite des Bettes lag. Schließlich nahm es auf dem Kopfkissen Platz. Bis zum Morgen hatte Hilde es in den Ärmel von Paulas Schlafanzug geschafft.
Auch am nächsten Morgen war das Küken nur ruhig, wenn es auf dem Arm war. Doch leider mussten alle entweder zur Arbeit oder zur Uni. Und die Vorstellung, das Küken den ganzen Morgen aus seiner Einsamkeit heraus piepen zu lassen, war nur schwer zu ertragen - eine wahrhaft herzzereißende Situation.
Ich rief also erneut bei dem Bauern an, um ihm mitzuteilen, dass Paula und ich noch am selben Tag - direkt nach der Arbeit - erneut nach Magdeburg fahren würden, um ein weiteres Küken zu holen.
Nachmittags musste mein Sohn sich um Hilde kümmern. Der Bedarf an Rundumbetreuung bestand offenbar weiterhin - zumindest machte es den Anschein. Nachdem wir bereits drei Stunden unterwegs waren, rief mein Sohn auf dem Handy an. Er wollte wissen, ob er Hilde - nach drei Stunden! - nun auch mal aus der Hand legen könnte. Kurz überkam mich ein schlechtes Gewissen, denn natürlich kann man auch mal das Küken aus der Hand legen, vielleicht muss man ja auch mal wohin…
Er hat Hilde dann irgendwann später meinem Mann gegeben, und Hilde und er haben zufrieden zusammen Jazz gehört.
Die Ankunft bei dem Bauern war wieder sehr schräg, eigentlich noch viel schräger als am Tag zuvor. Vielleicht hätte ich nicht von Hildes erster Nacht im Bett - samt Wärmeplatte - berichten sollen. Ein Küken im Bett, Rundumbetreuung eines einzelnen Entleins, die erneute weite Fahrt von Bünde bis nach Magdeburg für wieder nur ein Küken – und das zwei Tage in Folge – fanden der Bauer und seine Frau schlicht und einfach verrückt und bezeichneten uns auch genauso. („Da sind die Verrückten ja wieder!“)
Die Aussage des Bauern und seiner Frau war ganz sicher nicht als persönliche Beleidigung gemeint, doch sie ließ mich trotzdem nicht ganz los.
Wenn man es genau betrachtet, war diese ganze Aktion tatsächlich irgendwie
ver - rückt.
Die ganze Welt um uns herum erscheint mir ver-rückt.
Krieg in der Ukraine, der zunehmende und sich immer weiter zuspitzende Konflikt in und um Israel. Hamas, Hisbollah, Terror, Krieg, Leid, Flucht, Machtwechsel in Syrien, Hunger, traumatisierte Kinder und Erwachsene – egal, ob Soldat oder Zivilist. Unmenschliche Zustände!
Dann der Ausgang der Wahl in den USA inklusive alternativer Wahrheiten, Fake News, Drohungen, Beleidigungen und Gewalt, KI und Bots.
Irgendwie erscheint in dieser Welt nichts mehr "richtig gerückt".
Viele Menschen wirken ver-rückt!
Wo sieht man das Herz der Machthaber, Präsidenten und vieler anderer Menschen?
Manchmal bin ich mutlos angesichts dieser Entwicklungen, und es macht mein Herz schwer.
Etwas von meinem Herzen abzugeben, hilft mir, um selbst nicht unterzugehen – meiner Familie, meinen Freunden, anderen Menschen und auch Hilde! Denn jemand muss sich auch um dieses süße kleine Küken kümmern, das allein so einsam und hilflos ist.
Das Ende ist vielleicht nicht gut, wird es gut? Die Ente aber schon!