𝟹 Die neue Realität in Entenhausen

𝟹 Die neue Realität in Entenhausen

In Entenhausen hatte sich seit Beginn bereits einiges verändert. Ohne, dass wir es wirklich bemerkt haben, war Hilde uns sehr ans Herz gewachsen. Sie war allein, schutzbedürftig, sie kommunizierte, ließ sich trösten und reagierte auf das, was wir taten. Lieschen und Ernie waren unsere, mittlerweile schon großen, Küken – süß und herzerwärmend. Allerdings kamen die beiden gut alleine zurecht und fanden uns nur semi spanned.

Da wir Hilde nun keine weitere Nacht alleine lassen wollten, fuhren Paula und ich schließlich an besagtem Tag erneut nach Magdeburg, um dann mit Wilma im Gepäck nach Hause zurückzukehren.

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Der Kommentar des Bauern – wir seien „die Verrückten, die schon wieder wegen eines Kükens so lange Auto fahren“ – hatte einerseits einen nicht zu ignorierenden Wahrheitsgehalt, andererseits war es die richtige Entscheidung, egal, was der Bauer darüber dachte.
Diese Aktion war zwar ver-rückt – aber in einem positiven Sinne „gut-verrückt“, weil wir Hilde etwas Gutes tun wollten!
In einem bekannten christlichen Buch heißt es, dass Gott nicht möchte, dass der Mensch allein ist, sondern einen Gefährten an seiner Seite braucht. Ich denke, dasselbe gilt auch für Enten – zumindest bestätigen das erfahrene Entenkenner.

In diesem Zusammenhang habe ich mich gefragt, wie Gott uns Menschen eigentlich sieht und wie ver-rückt er selbst wohl ist.
Angenommen, es stimmt, was in diesem Buch steht: Gott hat die Natur, die Tiere (auch unsere Enten) und uns Menschen geschaffen – und er liebt seine Schöpfung und die Menschen, jeden Einzelnen.
Folglich bedeutet das auch, dass Gott selbst die Menschen lieben muss, die sehr viel Leid in dieser Welt verursachen. Ist das nicht verrückt? Glaubwürdig?
So eine große Liebe kann ich nicht begreifen! So ein großes Herz werde ich auch niemals haben, ich bin eben nur ein Mensch.
Ich selbst verursache zwar nicht so viel Leid und Zerstörung wie manche Machthaber oder Politiker, aber in meinem eigenen Mikrokosmos, meinem Alltag, mache ich viele Fehler. Ich tue Dinge, die andere Menschen verletzen – und obwohl es mir leidtut, passiert es immer wieder. Vielleicht ist es also nicht nur Gott, der „ver-rückt“ ist, sondern ebenso wir Menschen mit unserem Verhalten.

Doch will ich hier festhalten: Gott ist ver-rückt!
– Aber auf eine ganz andere Weise – „andersherum ver-rückt“. Denn durch Jesus, seinen Sohn, will er ALLES wieder richtig-rücken!
Wir dürfen Vergebung in Anspruch nehmen - und sollen es soagar -, für alles, was in unserem Leben falsch läuft. Ich selbst kann nicht verstehen, dass Gott ohne Gegenleistung vergibt! Doch nun, Ende der Gedankenschleife, sonst bekomme ich einen Knoten darin.


Während der Fahrt zurück nach Bünde haben wir mit meinem Mann und Hilde, die zusammen Jazz hörten, über die Freisprechanlage telefoniert. Hilde gab während des Telefonats Pieplaute von sich, woraufhin sich Wilma ebenfalls in das Telefonat eingemischte. Die plötzlich entstandene Kommunikation zwischen den beiden Entlein wirkte temperamentvoll, wie eine fröhliche und – in unseren
Ohren – sehr niedliche Unterhaltung. Keine Ahnung, was Hilde berichtet hat. Vielleicht, dass sie Jazz mag?

Nachdem Wilma und Hilde sich sofort angefreundet hatten, gab es noch einige Herausforderungen, um das harmonische Zusammenleben zu sichern, da sich die großen Küken nicht mir den kleinen anfrenden konnten.
Doch am Ende waren alle Enten und die Katze im Garten glücklich.

Und keine Sorge, im Kampf Katze gegen Küken gewinnt erfahrungsgemäß das Küken!

Lieschen und Ernie leben in ihrer kleinen Welt, sind sehr aufeinander fixiert, wollen niemanden in ihre Beziehungen mithineinnehmen und lassen keine Störungen von außen zu. Sie reichen sich gegenseitig.
Diese ahnen bzw. verstehen nicht, dass sie von "außen", also von uns, versorgt werden – und dass dies für sie überlebenswichtig ist, denn sie haben, im Gegensatz zu Wildenten, keine natürlichen Nahrungsquellen in unserem Garten.

Schließlich kam mir ein Gedanke: Was wissen wir Menschen denn schon über Schöpfer und Schöpfung? – So viel wie die Enten über uns?
Wir Menschen halten uns für entwickelt und schlau, für gebildet und überlegen. Doch wenn ich genauer darüber nachdenke, erscheint es mir, dass wir in mancher Hinsicht viel dümmer sind als unsere Enten.
Wir Menschen zerstören unsere Umwelt, weil wir dem Irrtum erliegen, dass uns die Natur gehöre oder zustehe und wir ein Recht auf dessen Ausbeutung hätten.
Uns ist ebenfalls oft nicht klar, dass auch wir von „außen“ versorgt werden müssen. Ohne Sonne, Pflanzen und Wasser könnten wir nicht überleben – in diesem Sinne ist es wieder Gott, der nicht nur in einer Hinsicht unsere Lebensquelle ist.

Die Welt unserer Enten begrenzt sich zwar auf unseren Garten, jedoch geben sie einen, wenn auch nur kleinen, Einblick in die oft übersehene Vielfalt unserer Umwelt. Und genau mit dieser Welt – namens Entenhausen – wollte ich mich in den anstehenden Sommerferien beschäftigen.

Doch die Tage verstrichen anders als erwartet:
Hilde machte ihrem Namen alle Ehre – die "wilde Hilde". Sie badete im Waschbecken mit Inbrunst und Vitalität. Sie tauchte ihren Kopf unter Wasser, schwamm kreuz und quer und wiederholte das Ganze unermüdlich.
Wilma hingegen war viel verhaltener, zurückhaltender und gemächlicher. Doch je mehr Zeit verging, desto mehr piepste sie. Wilma wurde nur ruhig, wenn sie auf der Hand war oder ich sie in meinem Halstuch trug - man braucht seine Hände ja auch für andere Dinge als für ein Küken.

Wilma am Schlafen

Zu der Zeit hatte auch unser neuer Postbote Wilma kennengelernt, als er klingelte und das Küken in meinem Halstuch saß. In dem Moment kamen nostalgische Gedanken in mir auf: Vor vielen Jahren war es auch unser Postbote, der mit persönlichem Einsatz dafür sorgte, dass unser damaliger Kater immer wieder nach Hause kam - er hatte den Kater mehrfach in unserer weitläufigen Nachbarschaft eingesammelt und bis zu uns mitgenommen.

Nachts wurde es mit Wilma noch anstrengender. Wenn die Küken in ihren Stall mussten, piepste Wilma herzzerreißend und vor allem langanhaltend. Aber jeder muss mal schlafen, deshalb musste Wilma nachts aushalten, nicht getragen zu werden.

Dann rückte unser Urlaub näher – und damit eine neue Herausforderung, denn wie sich später herausstellen sollte: Paula musste noch mit einer ganz anderen Situation klarkommen.

In diesem Sinne: End(t)e gut, alles gut???