9. Sie gehören einfach dazu
Unsere Enten sind nicht den ganzen Tag in Entenhausen, da sie meistens durch unseren Garten laufen. Besonders gerne kommen sie auf unsere Terrasse. Wir haben eine schmale Stufe, die von dort ins Wohnzimmer führt. Beide Enten versuchen, immer wieder auf diese Stufe zu kommen, aber es passt nur eine Ente darauf, nämlich Hilde. Wilm sitzt aber sehr dicht hinter ihr (das ist die Gewohnheit – ich meine natürlich hinter ihm). Doch beide klopfen dann mit ihren langen Schnäbeln an die Terrassentür. Machen wir die Tür auf, steht Hilde als Erste im Wohnzimmer.

Ich sollte hinzufügen, dass es keine besonders saubere Angelegenheit ist, wenn Enten die Terrasse in Beschlag nehmen. Gefühlt liegen ständig und überall ihre Hinterlassenschaften herum. Man muss also gut darauf achten, wohin man tritt, wenn man die Wohnung verlässt. Das bedeutet konkret, dass wir die Terrasse jeden Tag abspritzen. Zugegebenermaßen ist das ein großer Nachteil bei der Haltung dieser Zweibeiner.
Grundsätzlich ist es besonders nett von einigen Paketboten, wenn sie die Pakete ums Haus herum auf die Terrasse bringen, wenn niemand zu Hause ist. In der Vorweihnachtszeit kam das des Öfteren vor. Allerdings war das zeitweise sehr peinlich, denn die Terrasse war entsprechend verdreckt, wenn die Enten draußen waren und niemand zu Hause war, um sie wieder sauberzumachen! Doch anderseits ist es herzerwärmend zu sehen, wie die Enten wie selbstverständlich am Leben von uns Hausbewohnern teilnehmen. Sie suchen wirklich Kontakt und Nähe!
An einem Nachmittag hatte es stark geregnet, nachmittags ging der Regen in Schnee über. Der Rasen war matschig. Es war sooo ungemütlich! Die Katze lag im Haus auf dem Sofa, und die Enten standen draußen vor der Terrassentür und klopften mit ihrem Schnabel an die Tür.
In einem bekannten christlichen Buch steht, dass Jesus zu den Menschen sagt, er wird jedem, der bei ihm anklopft, die Tür öffnen. Was für ein Angebot! Die Tür bei Jesus steht für jeden Menschen offen, egal, wer du bist: Mann oder Frau, egal, woher du kommst, egal, was du getan oder auch nicht getan hast.
Mir kommen wieder Namen von Politikern und Machthabern in den Sinn, die mich aktuell abwechselnd sprachlos und wütend machen – zum Glück muss ich niemals über andere Menschen ein Urteil bilden. Ob Jesus auch Menschen mit fragwürdigen Handlungen die Tür aufmacht, entscheide nicht ich.
Ich merke mir einfach, dass dieses Angebot, das in diesem bekannten christlichen Buch steht, für mich gilt. Ich darf bei Jesus anklopfen, und mir wird aufgetan.
Und übrigens hat Corrie ten Boom, eine Überlebende im KZ Auschwitz, dem damaligen Wärter persönlich vergeben, als dieser sie viele Jahre später bei einer christlichen Veranstaltung getroffen hat. Sie hat dort von ihrem Überleben im KZ berichtet. Der Wärter hat nach dem Krieg Jesus und Gott kennengelernt, deshalb war er auch bei diesem christlichen Event anwesend. Ich glaube, weder er noch Corri Ten Boom wussten, dass sie sich dort wiedersehen würden. Das war mit Sicherheit eine sehr emotionale Begegnung für beide.
Welche Größe von Corri ten Boom, diesem Wärter Vergebung auszusprechen!
Und zum Glück muss ich den Enten nicht zwingend die Tür aufmachen, wenn sie anklopfen. Ich bin ja nicht Jesus. Auch wenn ich bei diesem Wetter nicht draußen sein möchte, heißt das ja noch lange nicht, dass es den Enten genauso geht. Sie haben ja eine dicke "Daunen-Jacke" an.
Trotzden war ich an diesem Nachmittag froh, dass ich keine Ente bin!