22. Gott hält das Gebüsch aus
Vom Alpaka zur Ente
Wie schon zu Beginn des Blogs erwähnt, verbrachte mein Sohn Lars ein Jahr in Peru. Die Alpakas, die wir auf Fotos gesehen haben, faszinierten uns sofort, weil sie so einen besonderen Gesichtsausdruck haben und gleichzeitig neugierig und vorsichtig wirkten.
Eher im Spaß überlegten wir damals, ob nicht vielleicht zwei Alpakas zu uns passen würden.
Doch nach kurzer Recherche war klar: keine gute Idee.
Alpakas sind keine Tiere zum Kuscheln, im Gegenteil – sie reagieren empfindlich auf zu viel Nähe. Zu häufiges Streicheln kann für sie Stress bedeuten – bis hin zu psychischen Erkrankungen.
Vom Kuscheln krank werden?
Warum das so ist, verstanden wir damals nicht wirklich. Aber es war für uns ein klares Ausschlusskriterium.
Zur gleichen Zeit zeigte mir meine Tochter immer wieder lustige Entenvideos auf Instagram. Wir lachten gemeinsam darüber – und irgendwann, ganz unspektakulär, stand der Entschluss fest: Es werden Enten.

Als wir die Enten bekamen, wussten wir nicht viel über diese Tiere. Nur, dass sie als relativ pflegeleicht gelten, und das hat uns überzeugt, dass wir ihre Aufzucht hinbekommen. Wir bekamen sie in den Sommerferien, und ich hatte Zeit, mit ihnen im Garten zu sitzen, sie auf den Schoß zu nehmen und ihre Eigenheiten kennenzulernen.
Hilde und Wilm wurden schnell zutraulich. Wir konnten ihnen täglich beim Wachsen zusehen. Besonders Wilm brachte – und bringt – uns immer wieder zum Lachen mit seiner wild schaukelnden Gangart.
Ich staune immer wieder darüber, wie sehr mich unsere Enten ins Nachdenken bringen. Und immer wieder finde ich Parallelen zu meiner eigenen Lebensrealität. Woraus dann auch letztendlich dieser Blog entstanden ist.
Erkenntnis, die bleibt
Vor Kurzem waren wir bei einer Alpakawanderung. Das hatten wir von unseren Kindern geschenkt bekommen. Wie passend, dachte ich, dann komme ich also doch noch zu meinen Alpakas.
Natürlich gab es dort auch viele Informationen. Eine davon hat mich tief getroffen: Alpakas sind Fluchttiere. Zu viel Nähe bedeutet für sie Stress – nicht Geborgenheit.
Plötzlich ergab alles Sinn.
Diese Erkenntnis ging mit mir nach Hause. Zu unseren Enten.
Denn auch Enten sind Fluchttiere. Leichte Beute. Flucht ist ihr wichtigster Schutzmechanismus.
Und sofort war sie da, diese Frage: Haben wir Hilde und Wilm zu sehr beschmust? Haben wir ihnen mit unserem Bedürfnis nach Nähe etwas zugemutet, das ihnen eigentlich nicht guttut?
Doch je länger ich darüber nachdachte und je genauer ich die beiden beobachtete, desto klarer wurde mir: Unsere Enten sind Fluchttiere – und trotzdem suchen sie Nähe.
Aber nicht immer.

Flucht oder Rückzug?
Menschen sind für Enten eigentlich eine potenzielle Gefahr. Größer. Schneller. Stärker. Und viele Menschen genießen Enten eher in Rotweinsoße als im Garten.
Und doch fliehen Hilde und Wilm nicht vor uns. Nicht, weil sie keine Fluchttiere wären – sondern weil sie uns kennen.
Sie kommen zielgerichtet angelaufen, wenn jemand den Garten betritt. Oder sie setzen sich schnatternd vor unser Küchenfenster, wenn sie uns drinnen sehen. Manchmal sitzen sie auf dem Schoß und lassen sich kraulen.
Und genauso selbstverständlich gibt es Momente, in denen sie Abstand brauchen. Dann watscheln sie davon. Ziehen sich ins Gebüsch zurück. Bleiben für sich. Dieses Verhalten wirkt nicht hektisch. Nicht ängstlich. Es ist keine Flucht – es ist Rückzug.
Und da wurde mir klar: Flucht und Rückzug sind nicht dasselbe.
Flucht geschieht aus Angst.
Rückzug geschieht aus dem Bedürfnis nach Ruhe.
Ich wähle manchmal auch „das Gebüsch“
Dieses Bedürfnis nach Rückzug kenne ich auch von mir selbst. Nicht, weil mir Menschen egal wären oder Beziehungen unwichtig. Sondern, weil ich Stille brauche. Raum. Zeit für mich – und für diesen Blog. Wenn viel Trubel war und danach Ruhe einkehrt, sortiert sich mein Inneres neu. Rückzug tut mir dann gut.
Und während ich darüber nachdachte, merkte ich: Diese Gedanken führen weiter.
Sie bleiben nicht bei den Enten stehen. Sie führen mich zu Gott.
In einem bekannten christlichen Buch steht, dass Gott die Menschen als sein Gegenüber geschaffen hat – für Beziehung. Doch Schuld und Versagen haben diese Nähe gestört. Das perfekte Leben wurde unperfekt.
Mein Leben ist unperfekt. Ich scheitere. Ich sage und tue Dinge, die mir später leidtun. Ich halte Vorsätze nicht ein. Manche Dinge sind mir peinlich – und ich möchte im Erdboden versinken oder schnell weglaufen. Ich fühle mich dann verletzlich.
Gerade dann tut es mir gut zu wissen: Gott hält diese Dynamik aus.
Nähe. Rückzug. Sehnsucht.
Er lädt mich ein.
Nicht laut.
Nicht drängend.
Sondern geduldig.
Manchmal bin ich Gott sehr nah, und ich wünsche mir dann, immer so nah bei ihm zu bleiben.
Manchmal halte ich auch Abstand. Nicht, weil Gott sich entfernt – sondern weil ich alleine „ins Gebüsch“ gehe.
Und doch bleibt die Verbindung.

Die Leine bleibt
Um mir das vor Augen zu führen, hilft mir ein Bild: Ich bin mit Gott verbunden wie mit einer Leine, einer Rettungsleine. Manchmal ist sie kurz. Dann bin ich Gott ganz nah. Manchmal ist sie lang. Dann bin ich Gott nicht nah.
Aber die Leine reißt nicht.
Wenn ich an Grenzen stoße – an mir selbst oder am Leben – finde ich über diese Verbindung zurück. Zu meinem Anker. Zu meinem Rückzugsort. Zu Gott.
Und manchmal gehe ich auch „ins Gebüsch“ und genieße das Alleinsein.
Aber Gott lässt die Leine nicht los.
Er hält es aus, wenn ich Abstand brauche. Wenn ich zögere. Wenn ich ihn gerade nicht suche.
Wenn ich Nähe nicht halten kann.
Seine Liebe bleibt.
Und seine Sehnsucht auch.

Nähe bleibt möglich
Nähe lässt sich nicht festhalten.
Vielleicht misst sich Beziehung nicht daran, wie oft wir uns nahe sind – sondern daran, dass Nähe möglich bleibt. Auch nach Abstand.
Die Enten lehren mich, dass Rückzug kein Abbruch von Beziehung ist. Man darf ins Gebüsch gehen, ohne alleingelassen zu sein.
Auch in meiner Beziehung zu Gott darf es leise Phasen geben. Nicht, weil Beziehung scheitert – sondern, weil sie Raum braucht.
Gott bleibt.
Er wartet nicht ungeduldig.
Er zieht sich nicht zurück.
Er hält die Leine.
Und er hält das Gebüsch aus.