20. Ein Nikolaus mit Schnabel
Warum Weihnachtsstimmung gut tut – aber nicht trägt
Ich genieße jedes Jahr die Vorweihnachtszeit. Leider war ich dieses Jahr kaum auf Weihnachtsmärkten. Dabei mag ich sie sehr.
Ich liebe diese besondere Mischung aus Dunkelheit und Lichterglanz, aus klirrender Kälte und einem warmen Getränk in der Hand. Familie oder Freunde neben sich, ein schöner Schal, vielleicht sogar eine selbstgehäkelte Mütze. Allein der Gedanke daran fühlt sich schon heimelig an.
Und doch ist mir dieses Jahr etwas Neues aufgefallen: Mistelzweige. Zum ersten Mal habe ich sie bewusst auf einem Weihnachtsmarkt gesehen – und sofort waren sie da, die Bilder aus amerikanischen Feel-Good-Weihnachtsfilmen. Mistelzweige als Symbol für Nähe, Romantik, Wärme. Für dieses unausgesprochene Versprechen: Alles wird gut.
Weihnachtsfilme erzählen fast immer Liebesgeschichten. Menschen, die feststecken, verletzt sind oder sich selbst verloren haben. Dann tritt die Liebe in ihr Leben – oft in Gestalt eines anderen Menschen – und plötzlich ordnet sich alles neu. Beziehungen heilen, Wunden schließen sich. Schnee fällt, Lichter leuchten, alles bekommt einen warmen Rahmen.
Ich tauche gern in diese Stimmung ein. Weil ich weiß: Am Ende des Films wird alles gut.
Vor Kurzem saß ich in einem wunderschönen Café. Warme Lichterketten, mit Sternen geschmückte Fenster, eine liebevoll dekorierte Theke, Zimtsterne, Lebkuchen, der Duft von Kaffee und Gewürzen. Es fühlte sich fast magisch an – als hätte ich nicht nur ein Café betreten, sondern eine andere Welt. Eine Welt mit diesem besonderen, heimeligen Alles-wird-gut-Gefühl.
Diese Stimmung kenne ich auch von zuhause: Lichterketten, Kerzen, Sterne an den Fenstern, Weihnachtsmusik beim Plätzchenbacken. All das hilft mir, für einen Moment dem Alltag zu entkommen. Denn mein geschäftiger Alltag fühlt sich oft anders an.
Ich kenne leider auch die andere Seite der Weihnachtsmärkte: Menschenmassen, laute Musik, blinkende Karussells.
Vielleicht ist es am Ende gar nicht der Weihnachtsmarkt selbst, den ich so liebe, sondern die Vorstellung davon. Genährt von Weihnachtsfilmen, -romanen und Erinnerungen, die der Wirklichkeit ein schönes Kostüm überziehen.
Ich weiß, dass diese Verkleidung nicht echt ist.
Aber sie tut gut.
So gut, dass ich mich manchmal am liebsten darin verlieren würde.

Wenn die Stimmung nicht für alle trägt
Heiligabend ist der Höhepunkt der Weihnachtszeit. Für viele steht er für Familie, Geborgenheit, gutes Essen, Geschenke, schöne Kleidung.
Und gleichzeitig gibt es so viele Menschen, für die Weihnachten all das nicht ist. Einsamkeit, Krankheit, Krieg, Verlust, Not – ihre Sehnsucht nach Frieden und Freude ist real. Und ihre Realität passt nicht zu dieser Weihnachtsstimmung.
Vielleicht sehne ich mich auch deshalb so sehr nach diesem Alles-wird-gut-Gefühl. Die Nachrichten, persönliche Herausforderungen und die Unsicherheiten unserer Zeit lassen mich danach greifen wie nach etwas Warmem in der Kälte. Dinge, die lange selbstverständlich schienen – Sicherheit, Verlässlichkeit, Demokratie, Mitmenschlichkeit –, stehen infrage.
Ich hätte dieses Gefühl gern haltbar.
Abrufbar.
Nicht nur im Advent.
Doch genau das ist der Punkt: Diese Stimmung vergeht. Und oft fühlt sich Weihnachten selbst wie das Ende dieser Verzauberung an. Danach folgen unbehagliche Gedanken, weil ein neues Jahr beginnt. „Alles“ geht wieder von vorne los – mit allen Fragen, Ängsten und Unsicherheiten.

Ein Nikolaus mit Schnabel
Während ich darüber nachdachte, kam mir unsere Ente Hilde in den Sinn.
Eines Abends stand sie in der Vorweihnachtszeit ganz selbstverständlich in unserem Wohnzimmer vor dem Weihnachtsbaum und betrachtete ihn.
Wir hatten ein kleines Nikolauskostüm zuhause – nicht für Enten gedacht, versteht sich. Trotzdem zogen wir es ihr über den Kopf. Hilde hatte offensichtlich nichts dagegen.
Plötzlich stand da ein kleiner Nikolaus mit Schnabel.
Wir machten ein Foto von der Ente und nutzten es für unsere diesjährige Weihnachtskarte. Das Bild ist lustig. Und trotzdem hat es mich nachdenklich gemacht.
Denn natürlich ist dieses Kostüm nicht echt. Es ist eine Verkleidung.
Hilde darunter aber ist echt.
Und genau das hat mich getroffen und meinen Blick geschärft.
Was bleibt, wenn die Verkleidung fällt?
Vielleicht ist es mit Weihnachten ähnlich wie mit der Ente. Lichterketten, Weihnachtsfilme und Rituale sind auch wie ein Kostüm. Sie schaffen Atmosphäre und Wärme. Das fühlt sich gut an – aber es bleibt nicht.
Diese Atmosphäre berührt etwas sehr Echtes in uns: Die tief menschliche Sehnsucht, dass Liebe alles Negative überwindet, Verletzungen heilen und am Ende alles gut wird.
In Weihnachtsfilmen übernimmt meist ein Mensch diese Rolle. Jemand, der im richtigen Moment auftaucht, versteht, tröstet, bleibt – und am Ende ist alles gut.
Wir wissen aber auch, dass das im echten Leben kein Mensch leisten kann. So gerne wir es wären – wir sind keine Superhelden.
In einem bekannten christlichen Buch steht übrigens, was in der unverkleideten, ursprünglichen Weihnacht passiert ist:
Gott kommt in Jesus zu uns Menschen.
Mitten hinein in eine unheile Welt.
Ohne Lichterkette und Heizung.
Die Geburt Jesu passiert in einem kalten Stall.
Gott ist nicht verkleidet, sondern verletzlich.
Nicht ein Mensch kommt, der wie im Weihnachtsfilm alles wieder gut macht – sondern Gott selbst.
Weihnachten ist eine Liebesgeschichte zwischen Gott und den Menschen.
Zwischen Gott und dir.
Und Gott und mir.
Diese Liebesgeschichte endet nicht wie im Film nach neunzig Minuten mit einem guten Ende.
Sie endet erst, wenn Jesus wiederkommt.
In diesem bekannten christlichen Buch werden wir ermutigt, aufgrund von Weihnachten und Ostern Hoffnung zu haben auf dieses gute Ende, das Gott uns bereits versprochen hat.

Alles ist echt
So wie Hilde unverkleidet unter dem Weihnachtsbaum echt ist, ist auch die Liebesgeschichte zwischen Gott und uns Menschen unverkleidet. Sie ist echt.
Vielleicht wirkt das befremdlich.
Schwer zu glauben.
Kaum zu begreifen.
Aber ich hätte mir vor einiger Zeit auch niemals vorstellen können, dass einmal ein Erpel namens Hilde bei uns wohnt, ganz selbstverständlich in unserem Wohnzimmer steht und unseren Weihnachtsbaum bestaunt.
Und doch ist genau das wirklich passiert.
So wie Weihnachten.