19. Hilde, die entlaufene Ente – oder: Das verlorene Schaf mit Schnabel
Manchmal denkt man ja, man habe alles im Griff:
Die Wohnung ist geputzt, die Blumen sind gegossen, Katze und Enten sind versorgt, der Garten ist eingezäunt – alles erscheint sicher und die Welt in Ordnung.

Aber dann: Hilde – unsere Ente.
Ein zahmer, treuer Schnatterfreund, eigentlich sehr heimattreu. Doch an diesem Tag beschloss sie auszubüxen.
Ich hatte ein Loch im Zaun zu unserem Nachbarn entdeckt – aber offenbar war Hilde schneller gewesen. Vielleicht wollte sie einfach neugierig ausprobieren, ob sie hindurchpasste.
Sie passte. (Das Loch ist übrigens inzwischen geschlossen!)
Niemand hatte bemerkt, dass Hilde verschwunden war.
Ich fuhr gerade auf unseren Hof, als mir ein freundlicher Mann aus der entfernteren Nachbarschaft beim Aussteigen sehr temperamentvoll zuwinkte und auf mich zulief. In dem Moment war mir klar: Da stimmt etwas nicht.
„Da läuft eine Ente in der Seitenstraße – die gehört bestimmt euch!“, rief er.
Ich bedankte mich für den Hinweis und ging in der Seitenstraße nachsehen. Und da war sie: Hilde.
Sie stand draußen vor dem Gartenzaun und schnatterte aufgeregt mit Wilm, unserer zweiten Ente, die auf der anderen Seite am Zaun stand.
Immer wieder schaute sie nach rechts und links, blieb aber auf der Stelle stehen.
Ich hätte gerne gewusst, was die beiden sich da temperamentvoll zuschnatterten.
Vielleicht ging es um den Sinn und Unsinn von Grenzüberschreitungen?
Vielleicht hatte Wilm gesagt:
„Ich hab’s dir doch gesagt – lauf nicht einfach weg. Hier ist es doch gar nicht so schlecht!“
Oder:
„Ich habe dich gewarnt – vielleicht findest du nicht mehr zurück!“
Was jedenfalls schnell klar wurde: Hilde hatte keine Ahnung, wie sie wieder zurückkommen sollte.
Das verlorene Schaf mit Schnabel
Es war noch nicht lange her, als ich mich mit dem Gleichnis vom verlorenen Schaf beschäftigt hatte – diese Geschichte steht in einem sehr bekannten christlichen Buch.
Und plötzlich hatte ich eine tierische Parallele vor Augen:
Das verlorene Schaf mit Schnabel war aus dem sicheren Garten entwischt – vielleicht gedankenlos, vielleicht, um seinen Horizont zu erweitern.
Und wie in der Geschichte vom Hirten, der keines seiner Schafe aus dem Blick verliert, glaube ich:
Jemand hat auch auf Hilde geachtet. Selbst in der Seitenstraße.
Mindestens jedenfalls unser Nachbar.
Am berührendsten war für mich der Moment, als Hilde und Wilm Schnabel an Schnabel voreinanderstanden – nur durch den Zaun getrennt.
Physisch nah – und doch weit entfernt.
Hilde hatte offensichtlich Sehnsucht nach Hause.
Nach Gemeinschaft.
Nach dem vertrauten Ort.
Nach Wilm.
Aber sie fand den Weg allein nicht zurück.
Wenn ich selbst verloren gehe

Wie oft ist es mir selbst schon so ergangen!
Und nein – ich meine diesmal nicht die Situationen, in denen ich mich mit meiner Freundin im Wald so festgequatscht habe, dass wir irgendwann keine Ahnung mehr hatten, wo wir überhaupt hingelaufen waren. 😄
Ich meine dieses innere Verlorengehen.
Manchmal entfernt man sich von dem, was einem guttut oder wo man hingehört – nicht aus Trotz, nicht aus böser Absicht. Es passiert einfach.
Und plötzlich steht man „draußen“.
Man sieht vertraute Menschen, hört bekannte Stimmen, erkennt den eigenen „Garten“ –
aber der Weg zurück scheint wie verschwunden.
In diesem bekannten christlichen Buch gibt es viele Geschichten, in denen jemand verloren geht – und jemand sich auf die Suche macht.
In der Geschichte vom verlorenen Schaf lässt der Hirte 99 Tiere zurück, um das eine zu finden, das fehlt.
Er hätte sagen können:
„Das wird schon von allein zurückfinden.“
Oder:
„Selbst schuld.“
Oder wie Wilm vielleicht:
„Ich hab’s dir doch gesagt!“
Aber der Hirte geht los, um das Verlorene zu suchen.
Weil jeder Einzelne zählt.
Ich habe Hilde auf den Arm genommen und sie zurück in den Garten getragen. Vermutlich war ihr das gar nicht bewusst.
Von offenen Armen und leiser Freude
Während Hilde inzwischen wieder zufrieden durch den Garten watschelt, denke ich:
Vielleicht sieht Heimkommen bei Gott manchmal genauso unspektakulär aus.
Kein Tusch, keine große Rede – vielleicht merken wir es gar nicht -
aber offene Arme, ein liebevolles Willkommen und diese Freude:
„Du bist wieder da.“
Und selbst wenn man sich manchmal klein oder unbedeutend fühlt –
wie eine einfache Ente im Gartenleben –
für Gott ist jeder Mensch so wichtig wie das eine verlorene Schaf für den Hirten.
Gott sieht dich – und er passt auf dich auf.
Und wenn du dich verirrt hast, macht er sich auf den Weg, um dich zu suchen.