15. Wenn Hormone regieren – oder: Was Enten uns über das Miteinander lehren

15. Wenn Hormone regieren – oder: Was Enten uns über das Miteinander lehren

Es gibt Neues aus Entenhausen zu berichten!

Hilde und Wilm sind zwei ausgesprochen zahme Enten. Sie sitzen gerne auf dem Schoß und lassen sich ausgiebig kraulen. Doch verhielt Wilm sich in letzter Zeit immer widersprüchlicher – ich konnte es nicht mehr einordnen.
Wie kann eine Ente einerseits verschmust und zutraulich sein und uns, aber auch Hilde, gleichzeitig ständig zwicken?

Ich begann zu recherchieren.

Die Sache mit der Brutstimmung

Erpel geraten im Frühjahr in „Brutstimmung“ – ähnlich wie Katzen, die rollig, oder Hunde, die läufig sind. So war es auch bei Wilm. Nur Wilm, wohlgemerkt – nicht Hilde, obwohl auch "sie" ein Erpel ist.

Wilms Hormone hatten zunehmend die Kontrolle übernommen. Das äußerte sich in immer häufigeren Schnabel-Schnapp-Attacken. Doch da in Entenhausen keine weibliche Ente lebt, konnte Wilm seinem inneren Trieb nicht folgen.

Bei der Paarung beißen sich Erpel am Rücken der Ente fest. Doch da wir nicht mit einer Ente dienen konnten, biss sich Wilm stattdessen zunehmend an unseren Schuhen und Hosen fest – oder am T-Shirt, wenn er auf dem Schoß saß. Manchmal traf sein Schnabel auch Beine, Arme oder Hände. Und ja, das tat richtig weh.

Auch Hildes Rücken blieb nicht verschont. Zwar schien Hilde nicht direkt darunter zu leiden – zumindest sah es nicht so aus. Aber ihre blutigen Wunden an den Flügeln konnten wir nicht länger ignorieren.

Hilde ließ alles mit stoischer Ruhe über sich ergehen. Sie war sehr auf Wilm fixiert, folgte ihm auf Schritt und Tritt und wich ihm kaum von der Seite. Aber das, was Wilm brauchte, konnte Hilde ihm nicht geben. Denn Hilde ist eben ein Erpel – keine Ente.

Die Situation wurde zunehmend belastend – für die Erpel und auch für uns. Weder Hilde noch wir hatten, was Wilm brauchte. Und was Wilm für uns hatte – Schnabelattacken – konnten wir wiederum nicht brauchen.

Wir kamen nicht mehr zueinander.

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Ein Besuch beim Tierarzt: Wilm, Hilde – und eine Lösung

Als wir endlich verstanden, dass Wilm von seinen Hormonen gesteuert wurde, beschlossen wir, zum Tierarzt zu fahren – in der Hoffnung auf Rat und Hilfe. Ich nahm beide Enten mit, denn es ging nicht nur um Wilm, sondern auch um Hildes verletzte Flügel.

Wilm saß also in der Katzenbox und konnte nicht viel sehen. Hilde hingegen thronte im Wäschekorb und beobachtete neugierig alles, was in der Praxis geschah. Die Tierärztin erkannte die beiden sofort wieder. Den Enten war das vermutlich egal – aber mich hat es gefreut.

Die Tierärztin verstand das Problem auf Anhieb. Enten kann man nicht einfach kastrieren – das ist medizinisch kaum praktikabel. Aber es gab eine Lösung:
Ein Hormonchip, der unter die Haut am Hals eingesetzt wurde. Er sollte drei bis vier Monate wirken und sich danach von selbst auflösen. Mit dem Abklingen der Wirkung würde auch Wilms Brutstimmung – bedingt durch den jahreszeitlichen Rhythmus – nachlassen.

Der Chip war teuer. Auch das tat erst mal weh. Aber es schien eine gute Lösung zu sein.

Nur zwei Tage später kehrte tatsächlich Ruhe in Entenhausen ein. Erstaunlich, was Hormone bewirken können:

Kein Zwicken mehr. Kein Stress. Kein überdrehtes Verhalten. Die beiden Erpel – und wir – lebten wieder in einem überraschend friedlichen Miteinander. Ein bisschen Fußballbegeisterung blieb bei Wilm – aber keine Schnabelattacken mehr.

Was ist eigentlich mit uns Menschen?

An dieser Stelle stellte ich mir eine Frage: Was ist mit uns?

Auch wir Menschen sind oft getrieben – nicht unbedingt von Hormonen, aber von inneren Sehnsüchten, unbewussten Mustern und tiefen Bedürfnissen.

Wir suchen Nähe, Liebe, Anerkennung. Wir projizieren unsere Hoffnungen auf andere – Partner, Freunde, Kinder – und hoffen, dass sie uns geben können, was wir so dringend brauchen.

Aber: Menschen sind begrenzt.

Niemand kann uns alles geben. Selbst mit den besten Absichten gelingt das nur teilweise.
Wir missverstehen einander. Wir verletzen einander – manchmal ungewollt, manchmal aus Überforderung.

Und selbst wenn wir versuchen, uns im Sinne des anderen „richtig“ zu verhalten – was ist überhaupt richtig?

Was für den einen gut ist, kann für den anderen völlig falsch wirken. Unsere Maßstäbe für richtig und falsch – besonders bei den kleinen Dingen – sind individuell geprägt und kaum objektiv messbar.

In einem bekannten christlichen Buch heißt es sehr ehrlich: Menschen machen Fehler. Menschen verletzen einander. Menschen sind nicht vollkommen.

Was gut gemeint ist, kann trotzdem falsch ankommen.

Wie bei Hilde und Wilm: Was für Wilm ein Ausdruck von Nähe war, wurde für Hilde zum blutigen Flügel.

Die Hoffnung in der Unvollkommenheit

Doch mitten in all dieser Unvollkommenheit gibt es Hoffnung: Die tiefsten menschlichen Sehnsüchte – nach Gesehenwerden, Annahme und Liebe – kann letztlich nur Gott stillen.

Das ist ernüchternd – und zugleich entlastend.

Denn es bedeutet:

Ich bin nicht verantwortlich für das Glück eines anderen Menschen.
Ich darf scheitern.
Ich darf vergeben – und um Vergebung bitten.

Und ich darf mich – genau wie Wilm – verändern (lassen). Nicht durch einen teuren Chip, sondern durch Gottes Geist. Und den gibt es umsonst.

Vielleicht sieht echtes Miteinander nicht so aus, dass wir perfekt füreinander sind. Sondern so, dass wir einander mittragen – trotz aller Begrenzungen.

Und dass wir Gott zutrauen, die Lücken zu füllen, die wir einander lassen müssen.

Ich muss mich nicht mehr festbeißen

Wilm hatte sich an Hilde festgebissen – getrieben von einem tiefen, echten Bedürfnis.

Und wir? Wie oft halten wir an Erwartungen fest, von denen wir längst wissen, dass andere sie gar nicht erfüllen können?

Jesus selbst hat nie Menschen mit Anforderungen überfordert, die nur Gott erfüllen kann.
Und doch hat er uns ernst genommen – in unserer Sehnsucht, in unseren Fehlern, in unserem Wunsch nach Verbindung.

Die gute Nachricht ist:

Ich muss mich nicht mehr an meinen Erwartungen festbeißen.
Ich darf sie loslassen – nicht aus Gleichgültigkeit, sondern aus Vertrauen.

Vertrauen darauf, dass meine tiefste Sehnsucht bei Gott nicht unbeantwortet bleibt.