14. Das Geheimnis der blauen Gießkanne

14. Das Geheimnis der blauen Gießkanne

Eine ungewöhnliche Vorliebe

Seit einiger Zeit beobachten wir bei unseren Enten, dass sie immer wieder zu einer alten, blauen Gießkanne auf unserer Terrasse laufen und daraus trinken – obwohl sie direkt in ihrem Gehege neben dem Futterplatz Zugang zu frischem Wasser haben.

Das Wasser in dieser Gießkanne ist weder sauber noch frisch. Und es sieht recht umständlich aus, wenn sie ihre Hälse tief in die Kanne strecken müssen, weil nur noch wenig Wasser darin ist. Aber das scheint sie nicht zu stören. Diese Gießkanne ist für sie so etwas wie eine selbstgewählte Tankstelle. Warum?

Was ist das Geheimnis dieser blauen Gießkanne?

Kürzlich musste ich über diese „Tankstelle“ in einem ganz anderen Zusammenhang nachdenken.

 

Die Welt im Umbruch

Noch vor zehn Jahren schien mein Leben ruhig und überschaubar. Natürlich gab es auch damals Not und Elend – doch das hat meinen Alltag nicht übermäßig durchdrungen.

Dann veränderte sich etwas Grundlegendes: Erst kam – für mich völlig unerwartet – die Corona-Pandemie, die nicht nur gesundheitlich, sondern auch gesellschaftlich tiefe Spuren hinterließ. Währenddessen brach der Krieg zwischen Russland und der Ukraine aus – mitten in Europa. Und nun erschüttern neue kriegerische Entwicklungen rund um Israel die Welt, mit der beunruhigenden Aussicht, dass sich daraus ein größerer Flächenbrand im Nahen Osten entwickeln könnte.

Was einst fern und abstrakt schien, rückt plötzlich nah und greifbar an uns heran – eine Reihe von Erschütterungen, die nicht nur herausfordern, sondern auch zutiefst verunsichern und beängstigen.

Auf sozialer und gesellschaftlicher Ebene geschehen tiefgreifende Veränderungen. Vertraute Werte bröckeln. Normen, die ich einst als stabil empfand, wirken plötzlich veraltet, werden neu gedeutet. Es ist, als ob das Fundament, auf dem vieles ruhte, ins Wanken gerät.

Wir setzen uns mit Wahrheiten – und „alternativen Wahrheiten“ – auseinander.

Wie schräg ist das eigentlich?

Die Realität und die Geschwindigkeit dieser Veränderungen überfordern mich. Ich kann sie nicht aufhalten.

Die sozialen Medien, einst Fenster zur Welt, sind heute auch Schleusen für verzerrte Wirklichkeiten. Der Wahrheitsgehalt dessen, was wir täglich sehen, lesen, hören – er ist brüchig geworden. Und mit ihm die Sprache: rauer, schärfer. Beleidigungen sind keine Ausnahme mehr.

Mitmenschlichkeit und Wertschätzung wirken zunehmend wie Ausnahmen.

Ich denke viel über dieses sogenannte „neue Normal“ nach. Doch was bedeutet das eigentlich? Tickt die Welt wirklich gerade so?

Ich spüre eine Art dunklen Nebel, der sich über das legt, was früher klar und deutlich war. Entscheidungen und Äußerungen von Politikerinnen und Politikern, die ich vor zehn Jahren für undenkbar gehalten hätte, sind heute Realität. Das erschüttert mein Verständnis von politischer Vernunft und moralischer Orientierung.

In meinem Kopf tobt ein Sturm aus Fragezeichen. Ich versuche zu begreifen, was gerade um mich herum geschieht – doch vieles entgleitet mir. Das Fundament, auf dem wir einst standen, wirkt instabil.

Und ich frage mich: Wohin steuern wir, wenn Vertrauen, Wahrheit und Respekt nicht mehr selbstverständlich sind?

0:00
/0:15

 

Orientierung in der Unordnung

Zum Glück habe ich gerade jetzt Gedanken, die mir guttun:

Ich denke an bestimmte Menschen, die zwar schon vor vielen Jahren gelebt haben, aber für mich heute ein Vorbild bleiben – zum Beispiel Corrie ten Boom, Dietrich Bonhoeffer, Paul Gerhardt.

Diese Menschen hinterließen nicht nur kluge Worte – sie haben durch ihr Leben gezeigt, was gelebter Glaube bedeuten kann. Ihre Lebensumstände waren oft erschütternd: Corrie ten Boom überlebte ein Konzentrationslager, ihr Vater und ihre Schwester starben dort. Dietrich Bonhoeffer wurde wegen seines Widerstands gegen das NS-Regime hingerichtet. Paul Gerhardt schrieb seine tiefsten und tröstlichsten Lieder mitten im Dreißigjährigen Krieg – in Zeiten von großem persönlichem Verlust und Angst.

Und ich denke auch an Gerda, eine Frau aus heutiger Zeit, die erst vor wenigen Monaten gestorben ist.

Sie war schwer krank – so schwer, dass viele ihre Lebensqualität vermutlich als kaum noch vorhanden eingeschätzt hätten.

Und doch war sie tief in ihrem Glauben verankert. Sie strahlte Dankbarkeit aus und eine stille, tiefe Freude. Ihren Besucherinnen und Besuchern schenkte sie oft mehr, als sie selbst bekam.

Ihr Leben war nicht leicht – aber es war leuchtend.

Es tut weh, sich diese Not wirklich vor Augen zu führen.

Die Lebenssituationen dieser Menschen waren nicht nur „schwierig“ – sie waren existenziell bedrohlich: Verlust, Angst, Hunger, Verrat, Tod.

Und doch: Ihre Leben leuchten – bis heute. Nicht, weil sie so stark waren, sondern weil sie gehalten wurden.

Sie waren getragen von ihrem Glauben. Ihre Worte, ihre Lieder, ihre Entscheidungen – sie zeugen von einer Kraft, die nicht aus ihnen selbst kam.

Sie waren verbunden mit einer Quelle, die sie in der Tiefe ihrer Seele versorgte – mitten im Leid, mitten in der Dunkelheit.

Ich finde das faszinierend.

 

Die Quelle des Lebens

In einem beliebten christlichen Buch wird diese Quelle als „lebendiges Wasser“ beschrieben – eine Kraft, die den tiefsten inneren Durst stillt. Nicht nur vorübergehend. Nicht wie ein Becher Wasser auf einer langen Reise oder wie eine blaue Gießkanne auf der Terrasse – sondern wie ein innerer Strom, der nie versiegt.

Diese Quelle steht jedem offen. Es ist kein Geheimnis für religiöse Spezialisten – es ist ein Angebot für alle Menschen.

Für die, die keine Antworten mehr haben. Für die, die innerlich leer sind. Für die, denen das Herz schwer ist. Für die, die sich nach etwas „mehr“ sehnen.

Meine Glaubensvorbilder haben aus dieser Quelle gelebt – nicht aus Pflicht oder religiöser Routine. Sie waren ergriffen – von der Liebe dessen, der aus dieser Quelle selbst gibt.

Sie waren nicht nur inspiriert – sie waren durchdrungen von dem, was diese Quelle schenkt: Liebe, Trost, Hoffnung, Gewissheit.

Meine Glaubensvorbilder haben in ganz unterschiedlichen Zeiten gelebt – aber in dem beliebten christlichen Buch steht, dass der, der die Quelle des lebendigen Wassers ist, immer derselbe war, ist und sein wird.

 

Ich brauche mehr als eine alte blaue Gießkanne

Wir leben in einer Zeit, in der vieles nicht mehr sicher scheint. Alte Wahrheiten werden infrage gestellt, die Grenzen zwischen Gut und Böse verschwimmen. Kriegsausweitungen drohen, neue Ängste entstehen.

Im Garten trinken unsere Enten täglich aus dieser alten blauen Gießkanne. Das Wasser ist abgestanden – und doch kommen sie immer wieder, um ihren Durst zu stillen. Sie sind zufrieden.

Doch ich bin keine Ente.

Ich brauche mehr als so eine Gießkanne, deren Wasser vielleicht bis zum nächsten Durst reicht.

Ich brauche eine Quelle, die mich hält. Eine Kraft, die nicht versiegt, wenn Sicherheiten bröckeln und die Angst wächst.

Eine Hoffnung, die nicht von äußeren Umständen abhängig ist.

Diese Quelle – das lebendige Wasser, von dem in dem beliebten christlichen Buch die Rede ist – will ich auch haben.

Ob das bei mir funktioniert wie bei meinen Vorbildern? Ich weiß es nicht …

Und das Geheimnis der blauen Gießkanne? Es bleibt bisher ungelöst.

Vielleicht ist es aber auch gar nicht so wichtig. Denn allein das Nachsinnen darüber hat mir viele gute Gedanken darüber gebracht, wie solcher Glaube – die Verbundenheit mit dieser lebendigen Quelle – in unserer aktuellen Lebenssituation tragen kann.

Und das führt weit über das Geheimnis dieser blauen Gießkanne hinaus.