13. Zweifel und Schnabel

13. Zweifel und Schnabel

Warum unser zahmer Erpel den Glauben herausfordert – und was das mit Thomas zu tun hat

Entenliebe – mit kleinen blauen Flecken

Unsere Enten Hilde und Wilm sind inzwischen sehr zutraulich geworden. Sie fressen aus der Hand, setzen sich auf den Schoß und schnattern uns fröhlich hinterher – wie kleine Schoßhunde im Federkleid. Besonders Hilde genießt die Nähe. Sie legt den Kopf an die Wange oder streckt ihren Hals über unsere Schulter, damit man sie am Hals kraulen kann – ein echtes Kuschelgenie.

Wilm hingegen ist eher der Chef im Ring. Dominant, lautstark, immer vorne mit dabei. Er lässt sich ebenfalls kraulen – bevorzugt am Bauch –, doch das Ganze wirkt eher wie ein kontrollierter Kommandoposten für Streicheleinheiten. Wenn er sich beim Kraulen extra langmacht, sieht das nicht gerade bequem aus, aber offenbar passt es für ihn.

Die Rollenverteilung ist klar: Hilde ist die Nummer zwei – und hat kein Problem damit. Konflikte mit Wilm meidet sie, außer wenn es beim Spiel mit meinem Sohn um Aufmerksamkeit geht. Dann kann’s auch mal spannend werden.

 

Improvisiertes Fangspiel mit Federn

Sobald er draußen auftaucht, rennen die Enten auf der Stelle zu ihm hin – egal, wo sie sind oder was sie gerade tun. Sie spielen eine Art „1-2-3-frei“: Er läuft los – die Enten hinterher. Dreht er sich um, bleiben sie abrupt stehen. Bewegt er sich wieder, setzen die Enten ihre Verfolgung fort. Es wirkt fast wie einstudiert.

Doch auch hier zeigt sich: Wer hat das Sagen im Spiel? Wenn Hilde zu viel Aufmerksamkeit bekommt, wird Wilm eifersüchtig. Er bleibt stehen, während Hilde und mein Sohn weiterspielen, und fängt beleidigt und lautstark an zu meckern. Dann rennt er zu Hilde, zwickt ihr in den Rücken und rupft ihr kurzerhand eine Feder aus. Ganz der dominante Erpel eben.

 

Nähe oder Nerv? Enten als Schatten

Ein Verhalten jedoch wirft noch Fragen auf: Wenn ich morgens ins Gehege gehe, kleben beide Enten an meinen Beinen. Schritte werden zur Slalom-Challenge. Ich bin ihnen schon mehrfach versehentlich auf die Füße getreten – mehrfach habe ich sie sogar weggeschubst. Nicht absichtlich, aber bei dieser Nähe kaum vermeidbar.

So verhalten sie sich immer beim Füttern, aber auch zwischendurch kann man das immer mal wieder beobachten.
Ist dieses Verhalten ein Zeichen von Langeweile? Oder von Zuneigung?

Hilde bleibt dabei stets sanft, lieb – ungefährlich! Sie läuft ruhig um die Beine, pickt vielleicht mal leicht am Schuh. Oder sie versucht, zwischen unseren Beinen zu laufen – den Blick immer abwechselnd nach links und rechts, als würde sie die Füße studieren.

Wilm dagegen ist ruppiger: Er zwickt in die Waden, attackiert schon mal Hände und Arme – besonders, wenn Futter im Spiel ist. Einige blaue Flecken gehen bereits auf sein Konto. Hilde hingegen – tadellos.

 

Ein Abend zwischen Andacht und Angriff

Letzte Woche hatten meine Freundinnen und ich unseren „Mädels-Hauskreis“ – ein gemütlicher Abend in unserer Gartenhütte mit Themen aus einem beliebten christlichen Buch und Gesprächen über Gott, Glaube und Alltag.

Zwei meiner Freundinnen wollten vor Beginn ein Foto von den „berühmten Enten“ machen – den Protagonisten in diesem Blog. Hilde kam freundlich angewatschelt, ganz harmlos. Wilm hingegen sah die nackten Füße der beiden offenbar als Einladung zu... Erpelkontakt. Schnabel voraus.

Es folgten ein erschrockener Aufschrei und hektisches Gehüpfe. Die Mädels waren überrascht – und schmerzhaft erinnert: Enten können zupacken – zumindest Wilm.
Alles passierte sehr schnell. Ich konnte nicht mehr eingreifen.
Das schlechte Benehmen von Wilm war - und ist - mir äußerst peinlich.

 

Vom Zweifel zur Begegnung

Ausgerechnet an diesem Hauskreis-Abend ging es um „Thomas, den Zweifler“ – den Jünger Jesu, der nach der Kreuzigung nicht glauben konnte, dass Jesus wirklich auferstanden war. Die Worte seiner Freunde reichten ihm nicht – er wollte Jesu Wunden selbst sehen, sie berühren. Er brauchte die persönliche Begegnung.
Thomas war kein grundsätzlicher Ungläubiger, er war einfach jemand, der nicht blind vertraute. Und Jesus nahm ihn und seine Bedürfnisse ernst, als sie sich später begegneten.
Aus Thomas' Zweifel wurde durch die Begegnung Gewissheit.

Ich musste an diesen umgekehrten Moment denken: Zwei Freundinnen, offen und ahnungslos, wollten unsere Enten fotografieren. Es hätte alles friedlich verlaufen können – wie bei Hilde. Doch sie trafen auf Wilm.

Und plötzlich wurde aus einer eigentlich harmlosen Begegnung ein kleiner, aber schmerzhafter Zweifel am Konzept „zahme Hausenten“.

Begegnungen bergen Risiko – auch mit Federn.

Bei Thomas führte die Begegnung mit Jesus vom Zweifel zur Gewissheit.
Bei den Mädels war es genau andersherum: Erst durch die Begegnung mit Wilm kam der Zweifel.

Doch die Parallele bleibt:
Begegnungen – ob mit Menschen, mit Tieren oder mit dem Glauben – bergen immer ein gewisses Risiko.
Mal ist es Gewissheit, mal ist es Zweifel, mal ist es der Schnabel. Mal ist es…

 Ein versöhnlicher Ausklang

Zum Ausgleich war der heutige Abend ruhig und schön – leider haben das meine Freundinnen nicht mitbekommen: Mein Mann und ich saßen auf der Terrasse, jeder mit einer Ente auf dem Schoß. Hilde legte wie immer den Kopf an die Wange und streckte sich lang. Wilm ließ sich ebenfalls kraulen.
45 Minuten lang war alles friedlich und ruhig. Bis unser Sohn auf die Terrasse kam. Die Enten sprangen sofort auf – Zeit für ein neues Spiel: Fangen im Dunkeln. Entenkuscheln war damit vorbei.

Auch Enten haben offenbar klare Vorstellungen davon, wie ein Abend ablaufen soll. Und vielleicht war Wilm beim Hauskreis gar nicht aggressiv, sondern einfach übermotiviert. Vielleicht war sein Verhalten eine überschwängliche Begrüßung – auf ,Entisch‘. Nur eben etwas... ruppiger.

Trotzdem:  Vielleicht sollten wir am Gartentor ein Schild anbringen:
„Zutritt nur mit Socken.“