11. Haben Enten eigentlich Angst – oder nur Menschen?
Die Frage, ob Enten ängstlich sind – und wie sich das überhaupt äußert – ist für mich bis heute nicht ganz geklärt.
Wilm zum Beispiel hat ganz offensichtlich Schwierigkeiten, Höhen einzuschätzen. Er ist schon mal aus dem Stall gefallen, als er einfach hinausspazieren wollte und nicht bemerkt hat, dass sich 20 cm Luft unter seinen Füßen befand. Auch die zwei Treppenstufen in unserem Garten haben ihn überrascht – er fiel sie mehr oder weniger herunter. Elegant sah das nicht aus. Hilde dagegen meistert Höhenunterschiede im Entenalltag souveräner. Stall und Stufen sind für sie kein Problem. Nach Höhenangst sieht es bei beiden Enten nicht aus.
Als sie noch kleiner waren, hatte man manchmal den Eindruck, sie hätten „Respekt“ vor uns. Wenn wir sie auf den Arm nehmen wollten, sind sie schon mal einen Schritt zur Seite gewatschelt. Aber nach Angst sah auch das nicht aus.
Folgendes Verhalten hat sich bis heute manifestiert:
Sobald sich im Haus irgendetwas tut – ein Licht geht an oder jemand bewegt sich – recken beide Enten sofort die Hälse, legen den Kopf schief und starren uns an. Penetrant und ausdauernd. Je nach Blickwinkel auch mit geneigtem Kopf und Hals. Was steckt dahinter? Hoffnung auf Futter? Neugier? Unterhaltung?
Gefühlt wird jede Bewegung im Haus genau verfolgt!
Geht man nach draußen, rennen die Enten los und sofort kleben beide an den Waden und Füßen. Sie picken auf den Schuhen herum und lassen kaum Platz für weitere Schritte. Ich bin ihnen schon einige Male auf die Füße getreten...
Mit Angst hat auch dies Verhalten eindeutig nichts zu tun!
Ein Entenkenner meinte, dies Verhalten sei ein Zeichen von Zuneigung und Spielverhalten.
Und tatsächlich – wie ein Spiel sieht es auch aus, wenn mein Sohn auf die Terrasse kommt. Kaum erblicken sie ihn, rasen (!) sie los. Mein Sohn rennt weg, die Enten hinterher. Dabei flattern sie wild mit den Flügeln, um mehr Tempo zu bekommen. Wilm ist dabei so eifrig, dass er manchmal über sich selbst stolpert. Dann übernimmt Hilde die Führung. Dreht er sich jedoch um, bleiben die Enten sofort stehen – und laufen wieder zurück. Jetzt ist er der Fänger. Manchmal verstecken sich die Enten im Gebüsch, nur um ihm dann erneut hinterherzurennen. Nach einer kleinen Pause für die Enten (sie haben nicht so viel Kondition) geht das Spiel wieder von vorne los.
Die Neugier und das Spielverhalten zeigen beide Enten. Doch wir haben auch unterschiedliche Verhaltensweisen bei ihnen kennengelernt.
Hilde knabbert ausschließlich an den Schuhen – vorsichtig, fast liebevoll. Sie wirkt insgesamt „sanfter“ und „lieber“ als Wilm.
Wilm wird zunehmend wilder – und auch etwas aggressiver. Ein Entenkenner meinte, dies Verhalten sei typisch Für Erpel in der Paarungszeit, wenn ihnen keine Ente "Gesellschaft leistet". Und dies Verhalten würde sich auch wieder legen.
Sein "unruhiges" Verhalten merkt man z. B. beim Spielen auch daran, dass er nicht nur an unseren Schuhen pickt, sondern uns Menschen auch hin und wieder zwickt. Mal sehen, ob er sich zu einem kleinen Platzhirsch entwickeln will…
Er gibt zumindest den Ton an in Entenhausen und macht klar, dass er der Boss ist. Will Hilde zuerst fressen, wird sie gezwickt und lässt Federn – sie muss warten, bis Wilm fertig ist. Das Gleiche gilt fürs Baden. Das Becken in Entenhausen ist zu klein für zwei Enten. Wilm besteht darauf, zuerst ins Wasser zu dürfen. Hilde wartet, bis Wilm Platz macht und akzeptiert, dass sie die Nummer zwei ist.
Vielleicht ist das eine ganz normale Hierarchie unter Enten.
Hierarchie erzeugt aber offensichtlich auch keine Angst bei den Enten.
Wenn sie sich streiten, quaken sie lautstark und senken und heben abwechselnd die Köpfe. Ist das Streit um eine nicht vorhandene Ente?
In diesen Momenten wünsche ich mir oft, ich könnte ihre Sprache verstehen.
Ich komme zu dem Schluss: Angst würden unsere Enten wohl nur dann empfinden, wenn sie sich wirklich bedroht fühlten. Und das tun sie eindeutig nicht.
Bei uns Menschen gibt es ja auch Hierarchien. Ob im Beruf oder im Alltag – es gibt dominante Menschen, und es gibt andere, die sich fügen, zumindest mehr oder weniger. Manchmal ist die Rollenverteilung klar und akzeptiert. Manchmal nicht – und dann gibt es Reibung. Oder das Machtverhalten läuft subtil ab, was oft nicht weniger konfliktreich ist.
Bei mir erzeugen Hierarchien im Gegensatz zu den Enten aber doch Ängste: Z. B. Angst vor mächtigen Politikern. Wenn diese ihre Position missbrauchen, um egoistische, narzisstische Interessen durchzusetzen, auf einmal neue territoriale Ansprüche hegen und die Weltordnung verändern wollen und andere Menschen darunter leiden müssen.
Aber auch der persönliche Alltag ist oft überfordernd und erzeugt Angst: zu viel Verantwortung, zu viele Sorgen, zu viele Gedanken und Stimmen.
In einem beliebten christlichen Buch steht, dass wir Menschen auf dieser Welt Angst haben, aber dass wir getrost sein können, weil Jesus die Welt überwunden hat.
„Seid getrost“ meint nicht: „Reiß dich zusammen!“, sondern eher:
„Lass dich halten – auch wenn du wackelst.“
Er sagt nicht, dass wir keine Angst haben dürfen, sondern er meint: Ich weiß, dass du Angst hast, das ist in dieser Welt so – und ich bin da.
Das bedeutet, dass ich mich schwach fühlen darf, nicht perfekt funktionieren muss. Ich darf den Mut haben, ganz ich selbst zu sein - auch mit meiner Angst.
Deine Angst disqualifiziert dich nicht für Trost!
Und das sind alternativlose Wahrheiten, die mich wirklich trösten!
Aber vor unseren Enten habe ich keine Angst, auch, wenn Wilm eindeutig "schnappfreudiger" wird und er mir manchmal wehtut!
Sie sind trotzdem zahme und auch verschmuste Haustiere!
Mein Sohn nennt sie allerdings manchmal mit einem Augenzwinkern „gemeingefährlich“, wenn er beim Fangspiel wieder einen blauen Fleck kassiert hat – aber grundsätzlich sind Enten für uns keine gefährlichen Tiere.
Dachte ich zumindest…
Aber offenbar gilt das nicht für alle!
Es gibt tatsächlich eine anerkannte Phobie, die mit Enten zu tun hat: Anatidaephobie.
Menschen mit dieser Angststörung fürchten sich davor, von einer Ente angestarrt oder beobachtet zu werden. Manche können deshalb kaum das Haus verlassen – aus Angst, dass irgendwo eine Ente lauert, die sie beobachtet.
Der amerikanische Cartoonist Gary Larson hat diese Phobie in einem seiner Cartoons aufgegriffen.
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Vielleicht wurde Anatidaephobie dadurch bekannt?
Ich persönlich kenne allerdings niemanden, der tatsächlich betroffen ist.
Aber ich finde: Wenn man sich zu sehr beobachtet fühlt – ob von Enten oder Menschen – kann einem schon mal mulmig werden…