10. Kurios – oder einfach menschlich?
Es war in den letzten Tagen und Nächten sehr kalt geworden. Natürlich kam da erneut die Überlegung auf, ob unsere Enten vielleicht doch frieren – oder eben nicht. Zur Vorsicht haben wir entschieden, dass sie nachts besser in ihren Stall kommen. Es handelt sich um einen kleinen Hühnerstall auf vier Beinen, etwa 20 cm über dem Boden. Der Stall ist zwar nicht besonders groß, aber zu zweit lässt es sich dort gut aushalten. Die Enten saßen dicht beieinander, sodass sie sich gegenseitig wärmen konnten.
Am nächsten Morgen öffnete ich die Stalltür. Die Enten zögerten zunächst etwas, aufzustehen – ein Zeichen dafür, dass es ihnen im warmen Stall offenbar gut ging. Schließlich war es Wilm, der als Erster an die Kante der Tür watschelte und neugierig hin und her schaute. Er erinnerte mich an "Hans Guck-in-die-Luft", machte einen Schritt vor – und fiel prompt aus dem Stall direkt auf den Boden. Von Vorsicht oder Angst keine Spur! Nur ein lautes „Plumps!“.
Ich musste lachen.
Und gleichzeitig fragte ich mich: Hatte die Tierärztin vielleicht recht, als sie sagte, Wilm sei "ein bisschen doof"?
Hatte er nicht mitbekommen, dass da 20 Zentimeter Luft unter seinen Füßen fehlten?
Hilde, unsere zweite Ente, wartete ab. Als Wilm aus dem Weg war, trat sie an die Kante, schaute ebenfalls kurz – und sprang dann elegant und zielsicher herunter und landeten sicher auf ihren Füßen. Alles andere als doof.
Aber was war dann mit Wilm?
Vom Badezimmer in die Erkenntnis

Es stellte sich uns die Frage: Brauchen Enten ein alternatives Badeerlebnis, wenn draußen alles zugefroren ist?
Die Antwort war bald klar. Das Gefieder wurde immer schmutziger – also ging’s in die Badewanne. Nur wenig Wasser genügte, und unsere Enten waren im Glück. Sie tauchten ihren Kopf immer wieder unter Wasser, schwammen hin und her und putzten sich eifrig. Mehrmals in der kalten Zeit wiederholten wir dieses kleine Bade-Ritual. Es erinnerte uns an die Zeit, als sie noch Küken waren und im Küchenwaschbecken planschten.
Doch eines Tages änderten wir den Ablauf. Nicht bewusst, weil wir die Enten ärgern wollten, sondern gedankenlos.
Bisher haben wir die Enten zuerst aus der Wanne genommen und anschließend das Wasser abgelassen. Aber diesmal wurde das Wasser vorher abgelassen, also bevor wir die Enten herausnahmen.
Für Hilde war das kein Problem – sie hatte verstanden, dass kein Wasser mehr da war. Bei Wilm jedoch war das anders. Er schien es nicht zu bemerken und tauchte weiter mit großer Begeisterung – in das leere Becken. Dabei stieß er sich temperamentvoll den Kopf am Wannenboden. Und es blieb nicht bei einem Versuch: Er „tauchte“ mehrmals hintereinander – auf den Boden der Wanne.
Ich konnte nicht fassen, was ich sah – und lachte. Doch dann kam wieder diese Frage hoch: Kurios oder dumm?

Eine Geschichte, die weiterführt
Kurz darauf sprach ich mit meiner Freundin. Sie erzählte mir, dass sie etwas getan hatte, das andere für dumm hielten und ihr dies auch mehr als deutlich gesagt wurde: Sie hatte Kontakt zu einer Person aufgenommen, die ihr zuvor mitgeteilt hatte, dass sie genau das auf gar keinen Fall wünscht.
Meine Freundin wusste also, dass sie genau das lassen sollte. Und trotzdem tat sie es. Warum? Weil sie jemandem Wertschätzung zeigen wollte. Weil sie ein großes Herz hat.
Und ja – auch sie bekam einen „Dämpfer“. Wie Wilm.
Ich dachte an Wilm, wie er mit Elan seinen Kopf unter Wasser tauchen wollte. Er musste doch bemerkt haben, dass da nichts ist. Und genauso könnte man bei meiner Freundin denken: Sie musste doch wissen, dass ihr Handeln negative Reaktionen nach sich zieht.
Und sie tat es trotzdem. Wieder. Genau wie Wilm.
und irgendwie… manchmal ich selbst auch.
Wer ist hier eigentlich „doof“?
Ich bin auch schon oft mit Anlauf in leere Wannen gesprungen. Habe Dinge gesagt oder getan, obwohl ich es eigentlich besser wusste. Oder gerade nicht getan, was andere erwartet hätten. Manchmal sehe ich Dinge nicht – obwohl ich sie sehen müsste. Und manchmal sehe ich sie – aber ich verstehe sie nicht.
Übrigens: Mein Vorname bedeutet „die Blinde“. Kurios, oder?
Bin ich also dumm?
Vielleicht ist es Zeit, dass wir das Wort „dumm“ überdenken. Dass wir aufhören, so schnell über andere zu urteilen. Denn nicht jede unlogische Entscheidung ist dumm. Vielleicht war sie sogar mutig. Oder liebevoll. Oder schlichtweg menschlich.
Wusstest Du schon, dass Jesus auch nicht vorschnell über Dich und mich urteilt?
Mich tröstet, dass er nicht nur das sieht, was wir tun oder auch nicht tun, sondern auch warum.
Wertschätzung – auch im Stillen
Meine Freundin hätte sich gewünscht, dass man ihr Handeln nicht sofort bewertet. Die einfachste Form von Wertschätzung wäre gewesen: die Klappe zu halten. Einfach mal nichts zu sagen.
Und nein – sie ist nicht dumm, sie ist wertvoll. Sie hat einfach ein großes Herz.
Und wie ist das jetzt mit Wilm?
Ich glaube, Wilm hat mir mehr beigebracht, als er selbst weiß. Sein Verhalten war vielleicht nicht logisch, aber durch diese kleine gefiederte Aktion entsprangen viele weitreichende Gedanken.
War sein Verhalten deshalb vielleicht sogar poetisch – weil ich darüber in diesem Blog schreibe?
Ein Fazit wäre: Wilm springt in die leere Badewanne. Nicht einmal, sondern mehrfach. Kopfüber. Aua.
Und trotzdem steht er auf und watschelt einfach weiter, als sei nichts gewesen.
In einem bekannten christlichen Buch steht auch etwas über diese Dinge:
Ich darf und du darfst mit Irrtümern, mit Dämpfern, mit Fehlversuchen leben.
Und dann wieder weitergehen – so wie Wilm.
Denn Jesus sagt: „Du musst nicht perfekt sein. Ich darf und Du darfst mit Irrtümen, mit Dämpfern und Fehlversuchen leben. Ich hab das schon getragen.“